Warum ich gerade dieses Ehrenamt mache

von Maria Korte

Ich werde oft gefragt, warum ich gerade dieses Ehrenamt mache.
Oder: Wie ich das überhaupt machen kann.
„Bahnhofsviertel? Prostitution? Voll krass.“
Und ich denke dann immer:
Eigentlich ist es gar nicht so „krass“.

Ich persönlich fühle mich im Bahnhofsviertel fast nie unsicher.
Vielleicht, weil ich dort von unfassbar starken Frauen* umgeben bin.
Natürlich von den anderen PX-lern – aber vor allem von den Frauen* in der Prostitution selbst.

Nach einem Hallo kommt fast immer die Frage:
Wie geht es dir? Und eine ehrliche Antwort ist hier ausdrücklich erwünscht.

Es gibt nur wenige Menschen, die – so wie Anna – sofort merken, wenn es mir nicht gut geht.
Die mich dann fest umarmen und mir zuflüstern:
„Ich sehe, dass dich etwas beschäftigt. Wenn du magst, erzähl mir davon.“

Nur in den Bordellen mit den spanischsprachigen Frauen* wird mir liebevoll
auf den Oberschenkel geklopft und gefragt, ob ich wohl zugenommen hätte.

Die besten Tipps gegen Erkältungen habe ich im Zimmer der Domina Josy bekommen.

Und als uns ein einziges Mal ein Kunde im Laufhaus zu nahekam, konnte 
ich gar nicht so schnell schauen, wie aus allen Zimmern Frauen* 
herauskamen, um uns zu verteidigen und den Mann zurückzuweisen.

Ich mache dieses Ehrenamt nicht, weil ich glaube, dass ich das System stürzen kann.
Ich mache es auch nicht, weil ich denke, dass Prostitution morgen verschwunden sein wird
oder keine Frau mehr gezwungen sein wird, ihren Körper zu verkaufen.

Ich mache dieses Ehrenamt trotz der Tatsache, dass das vermutlich noch lange dauern wird.

Denn für mich geht es nicht um das große Ganze.
Es geht um die einzelne Frau*.
Um konkrete Begegnungen.
Um Momente, in denen ich etwas verändern kann – auch wenn es klein erscheint.

Und genau da macht dieses Ehrenamt einen Unterschied.

Es macht einen Unterschied, wenn ich an einem Mittwochabend im 
Bahnhofsviertel in ein Bordell gehe, mich zu einer Frau* setze und ihr auf Augenhöhe begegne.
Nicht als Kundin. Nicht als Kontrolle. Nicht als jemand mit Erwartungen.
Sondern als Mensch, der sagt: Ich sehe dich.

Wenn ich sagen kann:
„Wenn du Unterstützung bei einem Arzttermin brauchst – wir können da helfen.“
Dann ist das kein abstraktes Angebot.
Dann ist das konkret. Greifbar. Echt.

Es macht einen Unterschied, wenn ich im Winter mit Maja in unserem Ankleidezimmer stehe.
Draußen ist es kalt, nass und ungemütlich.
Und wir suchen gemeinsam warme Winterstiefel aus, eine Daunenjacke, Handschuhe, eine Mütze.
Wir probieren an, lachen, verwerfen – und finden etwas Passendes.

Vielleicht friert die Welt dadurch nicht weniger.
Aber diese eine Frau* friert weniger.
Und das zählt.

Es macht einen Unterschied, wenn Ramona in die Anlaufstelle kommt und sagen darf:
„Ich hätte heute gerne mein Lieblingsessen.“
Und wir uns das merken.
Und es beim nächsten Mal wirklich da ist.
Und wir zusammen am Tisch sitzen und viel zu viel davon essen.

Wie an dem Tag mit dem Riesen-Palatschinken.
Stundenlang Pfannkuchen backen, Obst schneiden, Schokolade, Sahne, Pistaziencreme.
Alle stehen um den Tisch, jede macht mit.
Am Ende klebrige Finger, verklebte Münder – und ganz viel Lachen.

Das war kein großes Projekt.
Aber es war Gemeinschaft.
Und für viele Frauen* ein seltener Moment von Normalität.

Es macht einen Unterschied, wenn Daria mit mir auf dem Sofa sitzt und von ihrem Mann erzählt.
Von Sehnsucht. Von Angst. Von Schuldgefühlen.
Und ich nichts reparieren muss.
Sondern einfach zuhören darf.
Und trösten.

Es macht einen Unterschied, wenn Elena den Schwangerschaftstest nicht alleine machen muss.
Und wenn sie weiß: Egal, für welchen Weg sie sich entscheidet – wir gehen ihn mit.

Ich glaube, es macht einen riesigen Unterschied, wenn ich eine Frau fest umarme
und körperlicher Kontakt keine bezahlte Dienstleistung ist.
Sondern Nähe. Menschlichkeit. Halt.

All diese Dinge verändern nicht die Welt.
Aber sie verändern den Alltag einer Frau.

Und vielleicht ist genau das der Kern von Ehrenamt:
Da zu sein, wo Systeme langsam sind.
Da zu bleiben, wo Lösungen kompliziert sind.
Und trotzdem nicht wegzuschauen.

Für viele Frauen* ist unsere Anlaufstelle ein Ort, an dem sie einfach sein dürfen.
So wie sie sind.
Ohne Erklärung. Ohne Rechtfertigung.

Ein Ort, von dem sie wissen:
In der Niddastraße gibt es einen Tisch, ein Sofa, einen warmen Tee –
und Menschen, die mich sehen.

Und für viele Frauen* sind unsere Besuche in den Bordellen der Moment,
in dem sie ihre Maske fallen lassen dürfen.
Ungeschminkt. Ungeschönt.

Ein Moment in der Woche, von dem sie wissen:
Hier kommen Frauen*, die mich nehmen, wie ich bin.
Ohne Urteil. Ohne Erwartungen.

Und solange das einen Unterschied macht,
solange mache ich dieses Ehrenamt.

Und für viele Frauen* sind unsere Besuche in den Bordellen der Moment,
in dem sie ihre Maske fallen lassen dürfen.
Ungeschminkt. Ungeschönt.

Ein Moment in der Woche, von dem sie wissen:
Hier kommen Frauen*, die mich nehmen, wie ich bin.
Ohne Urteil. Ohne Erwartungen.

Und solange das einen Unterschied macht,
solange mache ich dieses Ehrenamt.

 
 
Laura Wuttke